Terrabella

Gedichte gegen das Alltagsgrau...

Month: Juni 2010

Seinsaxiome

Ich bin gemacht aus abertausenden Atomen,
doch sind das eben auch ein Tier, ein Baum, ein Stein,
denn alles ist gebaut aus diesen Seinsaxiomen;
ich frag: “Was soll an mir besonders sein?”

Ich rieche zwischen lieblichen Naturaromen
nach Schweiß und hab das Zeug zum bitterbösen Tun,
vom Krebs bedroht, geplagt von seelischen Syndromen,
zerstöre ich die Erde ohne auszuruhn.

Befrag ich Psychologen, oder Anatomen,
was mich zur edlen Krone dieser Schöpfung macht,
belacht man mich: “Jag nicht so weltfremd nach Phantomen,
das hat sich nur ein Kirchenschreiber ausgedacht!”

Mir helfen auch nicht weltbekannte Astronomen
zu klären, wo der Wert in meinem Dasein liegt,
wenn mich Gevatter Tod in meinem Chromosomen
im Licht der Sterne züchtigt und zu früh besiegt.

Die Antwort findet sich wohl jenseits von Diplomen,
durch meine Taten werde ich ein Philosoph,
wenn das nicht fruchtet, flüchte ich zum Gastronomen,
trink mich mir schön und find die Welt nicht mehr so doof.

Letzte Maniküre

Gelebtes Leben adelt deine Züge,
dein Schicksal hat sich in sie eingekerbt,
zuviel misslang, so manche schwere Lebenslüge
hat mit den Wettern deine fahle Haut gegerbt.

Du wirkst so stolz, doch auch ein wenig müde
und strahlst noch Kraft aus, die nun bald verebbt,
hast weder Zeit noch Sinn für leere Attitüde,
für dich ist dies ein lang verworfenes Konzept.

Dein sanfter Blick durchwärmt des Tages Kühle,
dein mildes Lächeln trotzt dem Zug der Zeit,
dein weißer Arm wiegt schwer am Nabel der Kanüle,
Du wirkst zufrieden und zum letzten Weg bereit.

Die Schwester naht, sie weist mir stumm die Türe.
Du kannst gewiss sein, ich bleib stets bei dir,
doch allzu bald, nach ihrer letzten Maniküre,
bezieht der Tod dein Bett, und Du bist nicht mehr hier.

Wie der Wind

Wenn wir so sind, dass sich die Ähren biegen,
vom gleichen Takt beschwingt, einander wohlgesinnt,
dass sich die Wipfel sanft, doch majestätisch wiegen,
sich leis im Blattwerk ein Gespräch entspinnt,

wenn wir so sind, dass Blütenkelche schaukeln,
als Wellendach auf einem Stängellabyrinth,
dass Schmetterlinge über diesen Wogen gaukeln,
wie süß beschwipst von köstlichem Absinth,

wenn wir so sind, dass Wiesen Lieder säuseln
von Ewigkeit, in der des Menschen Zeit verrinnt,
dass sich die Lebenswasser voller Sanftmut kräuseln,
dann sind wir wie der Wind, geliebtes Kind.

Wen anders

Ich kann dich nicht zum Maßstab machen,
ob manch Erlebnis, statt zum Lachen,
im Wirklichkeit zum Weinen ist,
weil Du für meines Lebens Sachen
zumeist auch nicht die Quelle bist.

Ich würde auch zuviel verlangen.
Vermutlich wärest Du befangen,
weil Du auf mich mit Augen schaust,
die liebend um mein Schicksal bangen,
wenn mich des Lebens Sturm umbraust.

Ich will mich deshalb nicht verstellen,
denn Du sollst dich dem zugesellen,
der ich in meinem Herzen bin,
damit Du in des Lebens Schnellen
mir mehr bist als Besucherin.

Ich will nicht zögernd radebrechen,
zeig mich mit meinen ganzen Schwächen,
dass Du nicht blind Gefühle gibst
und mich, ob trügender Versprechen,
am Ende als wen anders liebst.

schon wieder

So wagemutig liegst Du da
in deinem feinen Mieder!
Ich flehe Nein, Du flüsterst Ja:
Oh je, doch nicht schon wieder?!

Du greifst mir jäh ins Accessoir
und ziehst mich zu dir nieder.
Mein Nein verstummt – und wunderbar:
Hurra, ich kann schon wieder!

Beuteschema

Grab mir deine Bärentatzen
hart ins Beben meiner Brust,
reiß mir gierig einen Batzen
Fleisch aus meinem Blutverlust.

Schlag mit deinen Löwenfängen
Wunden in mein Lustfilet,
dass ich zu Sirenensängen
ganze Galaxien seh.

Trag mich unter Adlerschwingen
zappelnd in dein Liebesnest,
wetz die wilden Krallenklingen,
gib mir scharf den süßen Rest.

Alte Träume

Mich suchen alte Träume heim,
sie schwenken schwarze Fahnen,
ich hegte wohl den falschen Keim,
doch das war nicht zu ahnen.

Es grüßt der Mann, der ich nicht war,
mir mangelte die Stärke,
schon jetzt, in viel zu frühem Jahr,
zerfallen meine Werke.

Der Hoffnung winke ich Goodbye,
und könnte ich neu wählen,
dann wär ich auch nicht wirklich frei,
ich würd mich anders quälen.

Die Sanduhr

Ich sitze meine Zeit hier ab,
als sei sie eine Strafe,
zähl dämmernd bis ins kühle Grab
die Menschen, so wie Schafe.

Ich schlage meine Stunden tot
auf einer öden Erde,
und kämpfe um den Kanten Brot,
als Lemming in der Herde.

Ich höre jedes feine Korn
durch meine Sanduhr rinnen,
zu gerne würde ich von vorn
mein Lebenswerk beginnen.

Lichtgestalt

Ich fühle mich so unscheinbar
im Strahlenkranz der Lichtgestalt,
und nehme mich als Trugbild wahr,
ein Umriss ohne Sinngehalt.

Beschwörend schau ich zu ihr auf,
ich biete mich als Diener dar,
nähm jede Pflicht und Qual in Kauf,
als Mitglied ihrer Jüngerschar.

Doch wenn ich in ihr Antlitz seh,
erkenne ich den wahren Sinn,
ich bin nur Schatten der Idee,
die sie stets ist, und ich nie bin.

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