Terrabella

Gedichte gegen das Alltagsgrau...

Kategorie: Kritisches (Seite 2 von 3)

Pfeifen

Meistens möchte eine Pfeife
lieber erste Geige sein,
schüchtert vorlaut mit Gekeife
mächtige Posaunen ein.

Lehrt die Pfeife Flötenklänge,
Blast ihr gründlich einen Marsch,
kündigt ihr die Lobgesänge,
denn ihr Pfiff ist für den A….

Dichters Gardinenpredigt

Ich sollte schweigen, jedoch möchte ich betonen,
bei aller Ehrfurcht vor der eitlen Künstlerschar,
dass sich nicht alle scheinbar schönen Reime lohnen,
wenn dir dein Rhythmus einen schiefen Klang gebar.

Nun kannst Du meckern, fluchen, lauthals lamentieren,
die Kunst sei frei, und jeder Künstler schöpfernah,
im Dreieck springen, flehen, hadern, explodieren,
weil ich dein Werk aus guten Gründen kritisch sah.

Glaubst Du, der Schöpfer hätte diese eine Erde,
mal eben hingerotzt, so wie Du dein Gedicht –
auf das sie provisorisch halbwegs fertig werde,

im Funzelschein, statt hell im warmen Sonnenlicht –
und hätt auf eine dies bezügliche Beschwerde,
geheult, so schlecht sei doch das Kunstwerk nicht?

Ich glaube kaum, er wäre so extrem vermessen,
sich selbst zu loben, wenn sein Werk ein Fehlschlag wär,
vermutlich ist er nicht auf falsches Lob versessen,
benähm sich nicht so fachlich stur und voll konträr.

Jetzt gib dir einen Ruck, hör endlich auf zu schmollen,
dass Kunst von Können kommt, ist wirklich keine Mär,
nicht oft liegt’s am Talent, weit häufiger am Wollen,
wohl deshalb quält der Durchschnitt höchst inflationär.

Doch ist es mit der Welt, wie wohl auch den Gedichten,
rein vom Prinzip sind Erde und auch Lyrik toll,
nicht Gott, der Mensch, vermag das Schöne zu vernichten,

drum schweig und schau nicht weiter derart vorwurfsvoll.
Hör endlich auf dich nach der Masse auszurichten,
wenn dein Gedicht ein Wunder und kein Mist sein soll.

Motodrom

Der Kautschuk krallt sich zäh ins Labyrinth der Spuren,
frisst sich ins Mark und schwängert das Asphaltatom,
Benzindampf lockt die Phalanx helmbewehrter Huren
durch spiegelflirrend heiße Luft ins Motodrom.

Ein Röhren dröhnt aus hoch gezüchteten Motoren
die Welt im Chaos preist und lobt den Götzen Chrom,
schon jagt ein Blitz durch Mark und Bein der Matadoren,
ein Ampelkanon stimuliert das männliche Genom.

Die Masse tobt – ihr nackter Wahn kennt kein Volumen,
kein Maß mehr, als die Welt den neuen Gott gebiert,
er peitscht sein Stahlgeschoss hart über den Bitumen,

bis er sich tödlich in der Raserei verliert,
nichts von ihm bleibt als ein paar windverwehte Krumen,
mit denen er den Mob enthemmt aphrodisiert.

Krise

Die Krise jagt uns Schrecken in die Glieder,
sie reißt ein tiefes Loch ins Portmonee,
die Wirtschaft lahmt und liegt entkräftet nieder,
und alles und ruft erschreckt: „Oh jemine!“

Die Angst geht um, es kämen Zeiten wieder,
wo Hunger größer ist, als das Budget,
aus allen Häusern hallen Klagelieder,
und hilflos tagt manch Wirtschaftskomitee.

Wir strampeln, und die sogenannten Leader,
versammeln sich wie stets zum Defilee,
Konzepte schonen einfallslos und bieder
die Banken und den übelsten Pleitier.

Die Krise jagt die Lust in müde Glieder,
zum Vögeln braucht’s kein volles Portmonee,
auch setzt man sich trotz leerer Därme nieder
zum kostenfreien Glück auf dem WC.

Enthemmt

Mein Kühlschrank lockt zu Missetaten,
sein Ruf dringt an mein Ohr,
mit Käse, Wurst und Pökelbraten
ragt er vor mir empor.

Das Hirn will Obst, der Bauch mag Pasten,
von oben schallt’s:„Gemach!“
der Kopf ist klüger und will fasten,
doch gibt er leider nach.

Das Kühlfach leert sich, alle Dämme
zerbersten ohne Sinn,
weil ich enthemmt und maßlos schlemme,
und immer hungrig bin.

Feldpost

Die letzte Kugel war verschossen,
der Abend lag im Pulverdampf,
am Tag war Blut genug geflossen,
das Fußvolk ruhte nach dem Kampf.

Erschöpft lagst Du auf deiner Liege,
voll Hoffnung auf den Feldpostbrief,
der dir erzählte von der Wiege,
in der ein neues Leben schlief.

Doch als er kam, hast Du geschlafen,
man legte ihn dir auf den Bauch,
dort lag er wie in einem Hafen,
bis in den ersten Morgenhauch.

Du weintest ob der frohen Kunde,
die Du geahnt, doch nicht gewusst,
und drücktest in der frühen Stunde,
die Post ganz fest an deine Brust.

Da fiel der erste Schuss am Morgen,
ging durch den Brief dir tief ins Herz,
der Krieg will selten Stunden borgen,
er schert sich nicht um Glück und Schmerz.

Ein kleines Stück aus jenem Schreiben,
drang mit der Kugel in dein Ich,
als wollt‘ es dir im Herzen bleiben,
und darauf stand: „Wir lieben dich…“

Revolution!

Im Paris der alten Stände
marodiert Gevatter Tod,
wüten Seuchen, toben Brände,
sterben Kinder ohne Brot.

In den Schlössern, volle Teller,
doch das Volk am Hungertuch,
in den Kirchen, Muskateller,
spritzt der Wein auf’s Liederbuch.

Wo die alten Herrscher prassen,
hockt der Hunger auf dem Dach,
treibt die Bürger in die Gassen
Angst und Hunger halten wach.

Karzinome hinter Stirnen
höhnen den Vernunftgebrauch,
quellen wahnhaft aus den Hirnen
in urbanen Hungerbauch.

Metastasen aus den Gossen
wuchern in die Oberstadt,
wo einst Milch und Honig flossen,
frisst der Mob sich tödlich satt.

In den leeren Hungerdärmen
atmet eine blinde Wut,
als die Horden burgwärts schwärmen
auf der Jagd nach blauem Blut.

Wie den Kuchen auf den Tischen,
raubt das Volk den Herrscherthron,
nährt sich nun von Fleisch und Fischen,
sprengt die Klammern seiner Fron.

Lässt die alten Stände sterben,
richtet sie auf dem Schafott,
stürzt den Adel ins Verderben,
schickt den Klerus heim zu Gott.

Doch der Blutsturz frisst die Seinen,
spült die Einheit jäh davon,
bis die Ströme sich vereinen,
hoffend auf Napoleon.

Und so dreht der alte Kreisel
sich im Wirbel neuer Zeit,
doch das Neue bleibt die Geisel
strudelnder Geschichtlichkeit.

Spät-68er

Schmeiße Mülltonnen
made in China
in Schaufenster
von Discountern
die Dritte-Welt-Artikel
ohne GS-Siegel
verscherbeln.

Scheiße,
hab mir dabei
ein Loch
in meine
Levis gerissen.

Gestern bei Shell
noch’n Liter
Sprit gekauft
für die Demo,

aber zumindest
in der Flasche
war vorher
ein Liter Milch
vom Biobauern.

Lyrik

Man müh‘ sich, abseits aller Seele,
die leis in seiner Lyrik ruht,
dass man nicht seine Leser quäle,
mit Hybris und mit Übermut.

Kunst komm nicht in trüben Schwaden
aus einem Erdloch, das Gedichte kreisst,
steht nicht zum Kauf in einem Laden
als Esel, der die schönsten Reime scheißt.

Doch fehlt Talent, so sei nicht traurig,
weil dich die Muse wohl nicht liebt,
so manches klingt nicht ganz so schaurig,
wenn man sich etwas Mühe gibt…

Senf

Mehr Achtung vor des andern Gaben,
in dieser Welt, das wünsch ich mir,
die Erde könnte Frieden haben,
wär Schweigen eine Menschenzier.

Hab ich nicht wirklich was zu sagen,
dann beiß ich mir die Lippen wund,
statt irgendwas hinauszutragen
mit meinem nimmermüden Mund.

Doch seh ich ein, da sind Milliarden,
und jeder sagt so viel dahin,
würd ich zu sehr im Selbstschmerz baden,
ob jedes andern Eigensinn,

ich käm nicht mehr zu meinen Dingen,
und Menschen, die mir wichtig sind,
mein Leben könnte kaum gelingen,
als Fähnchen in des andren Wind.

Drum will ich mich nicht sehr erhitzen,
wenn jemand anders anders meint,
weil jedes fremdbestimmte Schwitzen
mir mehr als überflüssig scheint.

Abschiebung

Auf einem Schreibtisch dümpeln Fakten,
im Meer aus schlecht verleimtem Holz,
aus einem Stapel stummer Akten
steigt Zedernduft von altem Stolz.

Ein Stempel sprengt den Hoffnungsschimmer
ein Aktenblatt wird zum Schafott,
im muffig-dunklen Hinterzimmer
spielt ein Beamter nüchtern Gott.

Das Fallbeil fällt noch viele Stunden
die Staatsräson verlangt Tribut,
und aus noch fernen Zukunftswunden
rinnt tödlich blaues Tintenblut.

Was dann noch lebt, ist nur ein Zittern,
das man in Stahl und Polster zwingt,
bevor aus kalten Zellengittern,
ein letzter Rest von Leben dringt…

All Inclusive

Das Hotel verschluckt Touristen
und spuckt sie Tage später aus,
die Frauen stolz mit braunen Brüsten,
die Männer satt von Saus und Braus.

Die Rezeption als Tor zur Seele,
die Portiers diskret verwalten,
wo sonst berufliche Befehle,
sie hinter Schloss und Riegel halten.

Das Glück bemisst ein Thermometer
quecksilbrig-grau in Celsius
verhallt ist längst des Chefs Gezeter
im All Inclusive Überfluss.

Die Räume gleichen Bienenwaben,
am Reißbrett tausend mal geklont,
dass in pastellgetönten Farben
exakt der gleiche Urlaub wohnt.

Bespaßer sollen uns erfreuen,
nach einem festen Stundenplan,
man soll nicht einen Tag bereuen,
im sonnig-heißen Urlaubswahn.

Der Service kommt aus der Retorte,
ein Swimmingpool ersetzt das Meer,
und im Prospekt die schönen Worte,
sind hier vor Ort oft schmerzhaft leer.

Am Ende ist auch kulinarisch
der Urlaub keine Sensation,
und am Buffet kämpft man barbarisch
um eine letzte Fleischration.

Und Land und Leute sind Statisten,
wohl nur Staffage, das Idyll,
für tausende Pauschaltouristen
im stetig gleichen Freizeitdrill.

Zwei Wochen Spaß in der Maschine,
durch die man eine Seele jagt,
damit sie auf der Urlaubsschiene
sich nicht zu weit nach draußen wagt.

Nach vierzehn Tagen Urlaubswonne,
beendet unser Jet den Traum,
„Es war wie hier – nur mit mehr Sonne.“
sagt man daheim und schämt sich kaum.

Drum merke:

Suchst Du dein Ziel in andern Breiten
und vierzehn Tage Urlaubsglück :
sei wachsam, nutze diese Zeiten,
es geht zu schnell nach Haus zurück.

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