Archiv für die Kategorie 'Kritisches'

Abschiedsbrief

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Mutter,
wo hast Du mich unter Schmerzen hingeboren,
in welche Vorhofhölle, welches Land der Qual,
warum hast Du mich in dies Nichts im Nichts verloren,
in dieses Dasein abseits jeglicher Moral?

Mutter,
hast Du wirklich nichts geahnt von diesen Kriegen,
von dieser Mordlust, die uns wütend überstürmt,
von Menschlichkeit, die sich verneint in schalen Siegen,
und sich entfremdet in den Leichenhaufen türmt.

Mutter,
zitternd krampfe ich mit Wiederkinderhänden
den letzten Brief auf einen feuchten Rest Papier,
hab auch für dich gekämpft in diesem Blutverschwenden,
Du warst mein Anfang, doch am Ende fehlst Du mir.

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Solidarität

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Letztens fiel, beflissen mauernd,
Fritz der Maurer hoch vom Haus,
unten räumt, fast schon bedauernd,
Stefan dessen Hosen aus.

Manni singt nach Leibeskräften,
mimt im Kirchenchor den Pfau,
doch hausiert mit seinen Säften
oft und gern bei Fritzes Frau.

Nachts rammt Willi sturzbetrunken,
Fritzes neuen PKW,
flüchtet ohne einen Funken
Reue mit dem Sportcoupe.

Paul, (Abteilung für Kredite),
kündigt Fritzes Hypothek,
leiht ihm stolz die erste Miete,
sieht’s als echtes Privileg.

Alle stehn im Krankenzimmer,
tröstend, doch voll Hinterlist,
und beschwören, das schon immer
Männerfreundschaft wichtig ist.

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Klischee

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Diese stete Selbstkontrolle,
dieser Hang zur sturen Pflicht,
dieses sprachlich Salbungsvolle,
dieses Streben hoch zum Licht,

dieser Spaß am Aufmarschieren,
diese harte Akribie,
diese Lust am Füsilieren,
dieses Lob der Infantrie,

diese Last am faustisch Schweren,
dieser völkisch blinde Stolz,
diese Pflicht zum Tellerleeren,
dieses Glück in Eichenholz,

dieser Mut zum tiefen Denken,
diese Pracht im Dichterwort,
dieser Drang zum Weltenlenken,
dieser Fluch im Völkermord,

diese Neugier auf das Fremde,
diese Angst vor ebendem,
dieser frische Schweiß im Hemde,
dies Zerreden beim Problem,

dies Vermassen in Tumulten,
diese Freude am Verein,
dies Dozieren von den Pulten -
„deutsch“ heißt ein Klischee zu sein…

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verschollen

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So manchmal machen Worte, was sie wollen
ganz gleich, welch Sinn ich sorgsam in sie leg.
Mir scheint, ihr Sinn ist oftmals schon verschollen,
kaum sind sie ausgesprochen auf dem Weg.

Was ich auch sag, man scheint zuerst zu hören,
nur was genehm und nicht zu schwierig klingt,
Kritik scheint manche derart zu empören,
dass nie ein Ton in ihre Seele dringt.

Man nickt und hat kaum später schon vergessen,
was ich gesagt hab, oder was gemeint,
schaut irritiert und kann wohl kaum ermessen,
wie sehr ich leide, wenn man mich verneint.

Drum schweig ich künftig wie ein Grab und schmolle,
den Buckel krumm, lad ich zum Rutschen ein,
hab ich zu meckern, muss es wohl die volle
verbale Ladung auf dem Schriftweg ein.

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unermesslich

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So viel an Menschen lässt sich messen:
was sie vertrinken, was sie essen,
wir groß der Wuchs, wieviel sie wiegen,
wie schnell der Lauf, wie hoch sie fliegen -
doch eines geht bestimmt daneben:
das Maß der Dummheit anzugeben,
weil die, das weiß der Realist,
bei vielen unermesslich ist…

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Pfeifen

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Meistens möchte eine Pfeife
lieber erste Geige sein,
schüchtert vorlaut mit Gekeife
mächtige Posaunen ein.

Lehrt die Pfeife Flötenklänge,
Blast ihr gründlich einen Marsch,
kündigt ihr die Lobgesänge,
denn ihr Pfiff ist für den A….

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Dichters Gardinenpredigt

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Ich sollte schweigen, jedoch möchte ich betonen,
bei aller Ehrfurcht vor der eitlen Künstlerschar,
dass sich nicht alle scheinbar schönen Reime lohnen,
wenn dir dein Rhythmus einen schiefen Klang gebar.

Nun kannst Du meckern, fluchen, lauthals lamentieren,
die Kunst sei frei, und jeder Künstler schöpfernah,
im Dreieck springen, flehen, hadern, explodieren,
weil ich dein Werk aus guten Gründen kritisch sah.

Glaubst Du, der Schöpfer hätte diese eine Erde,
mal eben hingerotzt, so wie Du dein Gedicht -
auf das sie provisorisch halbwegs fertig werde,

im Funzelschein, statt hell im warmen Sonnenlicht -
und hätt auf eine dies bezügliche Beschwerde,
geheult, so schlecht sei doch das Kunstwerk nicht?

Ich glaube kaum, er wäre so extrem vermessen,
sich selbst zu loben, wenn sein Werk ein Fehlschlag wär,
vermutlich ist er nicht auf falsches Lob versessen,
benähm sich nicht so fachlich stur und voll konträr.

Jetzt gib dir einen Ruck, hör endlich auf zu schmollen,
dass Kunst von Können kommt, ist wirklich keine Mär,
nicht oft liegt’s am Talent, weit häufiger am Wollen,
wohl deshalb quält der Durchschnitt höchst inflationär.

Doch ist es mit der Welt, wie wohl auch den Gedichten,
rein vom Prinzip sind Erde und auch Lyrik toll,
nicht Gott, der Mensch, vermag das Schöne zu vernichten,

drum schweig und schau nicht weiter derart vorwurfsvoll.
Hör endlich auf dich nach der Masse auszurichten,
wenn dein Gedicht ein Wunder und kein Mist sein soll.

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Motodrom

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Der Kautschuk krallt sich zäh ins Labyrinth der Spuren,
frisst sich ins Mark und schwängert das Asphaltatom,
Benzindampf lockt die Phalanx helmbewehrter Huren
durch spiegelflirrend heiße Luft ins Motodrom.

Ein Röhren dröhnt aus hoch gezüchteten Motoren
die Welt im Chaos preist und lobt den Götzen Chrom,
schon jagt ein Blitz durch Mark und Bein der Matadoren,
ein Ampelkanon stimuliert das männliche Genom.

Die Masse tobt – ihr nackter Wahn kennt kein Volumen,
kein Maß mehr, als die Welt den neuen Gott gebiert,
er peitscht sein Stahlgeschoss hart über den Bitumen,

bis er sich tödlich in der Raserei verliert,
nichts von ihm bleibt als ein paar windverwehte Krumen,
mit denen er den Mob enthemmt aphrodisiert.

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Krise

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Die Krise jagt uns Schrecken in die Glieder,
sie reißt ein tiefes Loch ins Portmonee,
die Wirtschaft lahmt und liegt entkräftet nieder,
und alles und ruft erschreckt: „Oh jemine!“

Die Angst geht um, es kämen Zeiten wieder,
wo Hunger größer ist, als das Budget,
aus allen Häusern hallen Klagelieder,
und hilflos tagt manch Wirtschaftskomitee.

Wir strampeln, und die sogenannten Leader,
versammeln sich wie stets zum Defilee,
Konzepte schonen einfallslos und bieder
die Banken und den übelsten Pleitier.

Die Krise jagt die Lust in müde Glieder,
zum Vögeln braucht’s kein volles Portmonee,
auch setzt man sich trotz leerer Därme nieder
zum kostenfreien Glück auf dem WC.

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Enthemmt

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Mein Kühlschrank lockt zu Missetaten,
sein Ruf dringt an mein Ohr,
mit Käse, Wurst und Pökelbraten
ragt er vor mir empor.

Das Hirn will Obst, der Bauch mag Pasten,
von oben schallt’s:„Gemach!“
der Kopf ist klüger und will fasten,
doch gibt er leider nach.

Das Kühlfach leert sich, alle Dämme
zerbersten ohne Sinn,
weil ich enthemmt und maßlos schlemme,
und immer hungrig bin.

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Feldpost

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Die letzte Kugel war verschossen,
der Abend lag im Pulverdampf,
am Tag war Blut genug geflossen,
das Fußvolk ruhte nach dem Kampf.

Erschöpft lagst Du auf deiner Liege,
voll Hoffnung auf den Feldpostbrief,
der dir erzählte von der Wiege,
in der ein neues Leben schlief.

Doch als er kam, hast Du geschlafen,
man legte ihn dir auf den Bauch,
dort lag er wie in einem Hafen,
bis in den ersten Morgenhauch.

Du weintest ob der frohen Kunde,
die Du geahnt, doch nicht gewusst,
und drücktest in der frühen Stunde,
die Post ganz fest an deine Brust.

Da fiel der erste Schuss am Morgen,
ging durch den Brief tief in dein Herz,
der Krieg will selten Stunden borgen,
er schert sich nicht um Glück und Schmerz.

Ein kleines Stück aus jenem Schreiben,
drang mit der Kugel in dein Ich,
als wollt’ es dir im Herzen bleiben,
und darauf stand: “Wir lieben dich…”

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Revolution!

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Im Paris der alten Stände
marodiert Gevatter Tod,
wüten Seuchen, toben Brände,
sterben Kinder ohne Brot.

In den Schlössern, volle Teller,
doch das Volk am Hungertuch,
in den Kirchen, Muskateller,
spritzt der Wein auf’s Liederbuch.

Wo die alten Herrscher prassen,
hockt der Hunger auf dem Dach,
treibt die Bürger in die Gassen
Angst und Hunger halten wach.

Karzinome hinter Stirnen
höhnen den Vernunftgebrauch,
quellen wahnhaft aus den Hirnen
in urbanen Hungerbauch.

Metastasen aus den Gossen
wuchern in die Oberstadt,
wo einst Milch und Honig flossen,
frisst der Mob sich tödlich satt.

In den leeren Hungerdärmen
atmet eine blinde Wut,
als die Horden burgwärts schwärmen
auf der Jagd nach blauem Blut.

Wie den Kuchen auf den Tischen,
raubt das Volk den Herrscherthron,
nährt sich nun von Fleisch und Fischen,
sprengt die Klammern seiner Fron.

Lässt die alten Stände sterben,
richtet sie auf dem Schafott,
stürzt den Adel ins Verderben,
schickt den Klerus heim zu Gott.

Doch der Blutsturz frisst die Seinen,
spült die Einheit jäh davon,
bis die Ströme sich vereinen,
hoffend auf Napoleon.

Und so dreht der alte Kreisel
sich im Wirbel neuer Zeit,
doch das Neue bleibt die Geisel
strudelnder Geschichtlichkeit.

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